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Geschichte Murau

MURAU - eine Stadt im Grenzbereich mit Visionen

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Mit Ulrich von Liechtenstein, dem Ritter und Minnesänger, und Anna Neumann von Wasserleonburg, einer weiblichen Ausnahmeerscheinung der Renaissancezeit, liest sich die Geschichte der Stadt Murau durchwegs unterhaltend und spannend. Der Ort an einer Engstelle am Oberlauf der Mur auf knapp über 800 m Seehöhe gelegen war bereits in der Bronzezeit besiedelt. Zeugnis davon geben ein Flachbeil und ein Griffzungendolch, die nahe dem Schlattingbachfall bzw. dem Raffaltplatz gefunden worden sind und heute im Universalmuseum Graz aufbewahrt werden. Zur Zeit des Römischen Weltreiches gehörte das Gebiet zur Provinz Norikum, lag verkehrsgünstig an der Straße von Ad Pontem (Scheifling) Mur aufwärts zum Radstädter Tauernpass. Im ehemaligen Rathaus in der Anna Neumann-Straße 5 sind eingemauerte römische Grabsteine und an der Außenfassade ein Skulpturenstein mit der Darstellung eines Seepferdchens zu sehen. Die anschließende Völkerwanderungszeit brachte zum einen die Slawen und zum anderen die Baiuwaren in den engen Talabschnitt der oberen Mur. Die slawischen Bezeichnungen wie „in der Gössen“, „Planitzen“ (ebene Gegend), Laßnitzbach oder Schlatting sind da geblieben. Schlatting, slawisch „Zlating“, beschreibt das, was Murau heute noch ganz versteckt in der Stadt hat: „Bach, der einen Wasserfall bildet“. Mit der bayrischen Besiedlung erfolgte im 9. Jahrhundert die Missionierung der Alpenbevölkerung, ohne die der Bau von so vielen historisch sehenswerten alten Kirchen nicht stattgefunden hätte. Im frühen deutschen Königreich kam „Murowe“, mit diesem Namen 1250 urkundlich zum ersten Mal erwähnt, am Schnittpunkt zwischen den Herzogtümern Kärnten und Steiermark zu liegen. Die Mur bildete über 200 Jahre die Grenze und Murau war eine geteilte Stadt innerhalb einer Stadtummauerung. Als Erbauer der Burg und Gründer der Stadt Murau gilt der bekannte Minnesänger Ulrich von Liechtenstein (ca. 1200 bis 1275), dessen Familie bereits die namensgebende Burg Liechtenstein östlich von Judenburg und die Frauenburg bei Unzmarkt besaß. Seine Zeitgenossen waren Otakar aus der Gaal, Walther von der Vogelweide, Neidhart von Reuental, und Tannhäuser. Ulrich verfasste mit „Frauendienst“ und „Frauenbuch“ zwei Werke, die vom Leben im Mittelalter erzählen. Im 19. Jahrhundert wurde er als Dichter von Mendelssohn Bartholdy wiederentdeckt, der seine Texte vertonte. Verheiratet war der Minnesänger mit Perchta und hatte mit ihr viele Kinder. Treue bestimmte für ihn die unauslöschliche Liebesbeziehung in der Ehe, und das obwohl er als Minnesänger viele Ritterfräulein angebetet hat und von diversen Liebesabenteuern berichtete. Während der kaiserlosen Zeit musste Ulrich die Burg Murau 1269 an den böhmischen König Ottokar Przemysl ausliefern und wurde zudem ein halbes Jahr in eine mährische Festung inhaftiert. Die Familie der Liechtensteiner hatte Murau über Jahrhunderte inne und gehörte zu den einflussreichsten Ministerialen – das sind adelige Dienstleute – der Steiermark und nach der Vereinigung der beiden Herzogtümer auch zu denen von Österreich. Ulrich wurde bereits 1256 das Privileg des Bergbaues zuerkannt, 1461 wurde der Familie das Landgericht zu Murau übertragen und sie vertrat die Stadt Murau im Grazer Landtag.



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Vom 7. September 1298 stammt das Privileg für Murau, mit dem Otto von Liechtenstein den Bürgern einen Teil der Rechte, die in Judenburg in Geltung waren, verliehen hat. Murau war damit zur Stadt erhoben und wurde bald erweitert. Zu den beiden Plätzen auf der linken Murseite kam nach 1300 noch ein Platz auf der rechten Seite des Flusses hinzu. Zur Sicherung dieses „Neuen Marktes“ oder „Rindermarktes“ wurde die Burg Grünfels erbaut und die Stadtmauer über den Fluss geführt. Dank der guten Handelswege entwickelte sich das Wirtschaftsleben in der Stadt sehr erfolgreich mit Vieh- und Salzhandel, Schafzucht für Loden und Filz. Während dieser Blütezeit gab es in Murau eine jüdische Gemeinde. Bargeld war Mangelware und auch die Liechtensteiner waren adelige Kreditnehmer. Das Judenviertel befand sich in der Südwestecke des Raffaltplatzes, da wo heute die Gebäude der Brauerei liegen. Schon 1432 dürften die Juden Murau verlassen haben, gute 60 Jahre bevor sie  Maximilian I. 1496 aus Innerösterreich vertreiben ließ.
Bereits 1424 wurde das Murauer Stadtbuch angelegt, womit Murau das älteste Stadtbuch der Steiermark besitzt. 1473 und 1477 findet man Belege für die Wasserversorgung der Stadt in den Ratsprotokollen. 1495 begann die Bierbrauerei, die bis heute namentlich eng mit der Stadt verbunden ist und ihr alle Ehre macht.

Hatte Murau das Glück, von den Osmanen (Türken) verschont geblieben zu sein, die ab 1480 immer wieder die Steiermark sengend und brennend heimsuchten, so geriet der Besitz der Liechtensteiner in die Mühlen der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern und dem mächtigen König der Ungarn. Niklas von Liechtenstein musste die Burg Murau von 1480 bis 1490 dem Ungarnkönig Matthias Corvinus übergeben. Nach dem Abzug der Ungarn ließ der habsburgische Kaiser Friedrich III. die Burg vorübergehend durch den kaiserlichen Hauptmann Balthasar von Thannhausen verwalten. Erst sein Sohn Kaiser Maximilian I. gab sie den Liechtensteinern zurück. Aber am Ende des 15. Jahrhunderts begann sich der Niedergang der Familie Liechtenstein in Murau abzuzeichnen.




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1566 heiratete Christoff von Liechtenstein, damals bereits hoch verschuldet, die reiche Kaufmannstochter Anna Neumann von Wasserleonburg, Witwe des Freiherrn Hans Jakob von Thannhausen. Sie übernahm die Schulden ihres Ehegatten, kaufte seinen Geschwistern das Erbe ab und wurde so zur Herrin von Murau. Anna Neumann (1535 bis 1623), die mit Geschäftssinn und kühler Kalkulationsgabe diesen Besitz unheimlich vergrößerte, leitet in die Zeit der Reformation und Hexenverfolgung über. Ihr dritter Mann war als Abt des Zisterzienserstiftes Rein ausgetreten und in den Hof- und Kriegsdienst übergewechselt. Das Ehepaar wandte sich offen dem Protestantismus zu. Anna überlebte nacheinander ihre fünf Ehemänner, war klug und hatte wirtschaftlichen Erfolg, was sie in den Verdacht brachte, eine Hexe zu sein. Die  einflussreiche Stellung ersparte ihr mit Sicherheit die peinliche Befragung unter der Folter und damit auch den Tod am Scheiterhaufen. Im 82. Lebensjahr „adoptierte“ sie den 31jährigen Georg Ludwig von Schwarzenberg als ihren sechsten Mann. Nach ihrem Tod von 1623 weg bis heute ist der Großgrundbesitz in der Hand der Familie Schwarzenberg. Dieser Familie gelang es im 17. und 18. Jahrhundert die Herrschaft Murau zur größten der Steiermark zu machen. So war die Stadt lang Sitz einer großen Grundherrschaft und bestimmte die rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen bis 1848. Maria Theresia griff 1770 mit der Einführung der Werbbezirke in die grundherrliche Alleinherrschaft ein, um Soldaten für die Kriege gegen Preußen zu werben. Aus dieser militärischen Einrichtung wurde in Murau eine Verwaltungsbehörde auf der mittleren Ebene. Dazu kamen die mariatheresianische Schulreform, die Straßenerhaltung, das Armenwesen und die Gewerbeaufsichtsbelange. Durch den Josephinischen Kataster von 1786 und die spätere Neuvermessung von Kaiser Franz I. kam bessere Ordnung und Überschaubarkeit.


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Leider entging Murau nicht den napoleonischen Kriegen. 1797 kamen die ersten 14.000 Franzosen mit Napoleon an der Spitze von Scheifling her nach Murau, um über den Radstädter Tauernpass weiterzuziehen. Sie kehrten um und zogen wieder murabwärts, nicht ohne vorher geplündert und aus der Bevölkerung Naturalien für Mensch und Pferd herausgepresst zu haben. 1809 bis 1810 waren die Franzosen wieder im Murtal und die Stadt Murau musste mit Brot, Fleisch, Bier, Heu, Stroh und Hafer abermals für die Verpflegung sorgen. Dieser Zeit verdankt Krakaudorf angeblich den Beginn seiner Schützengarde, weil einer der französischen Soldaten in der Krakau geblieben ist. Die Murauer Bürgergarde ihrerseits weist auf eine andere Entstehung hin. Seit der Gründung der Stadt brauchte es eine Bürgerwehr gegen Einfälle von Feinden. Den Sold bekam die bewaffnete Stadtgarde von ihrer Heimatstadt. 1718 wird sie bereits „Stadtguardi“ bezeichnet. Nicht helfen konnte die Stadtwache beim Staatsbankrott 1811 und bei den Missernten in den Jahren 1816/1817. Die 1848er Revolution in Wien beendete mit der Bauernbefreiung die Schwarzenberg´sche Herrschaft als Verwaltungs- und Gerichtshoheit. Murau wurde Mittelpunkt eines der 19 steirischen Bezirke, zu denen damals auch noch die Untersteiermark mit Marburg, Pettau und Cilli gehörte. 1880 nahm man auf der Mur den Flößerbetrieb regulär auf und 10 Jahre später begann eine neue Nutzung des Wassers. Zur körperlichen Erbauung wurde am „Egghardt-Teich“ ein Schwimmbad errichtet. 1886 weilte Hugo Wolf vier Monate bei seiner Schwester, deren Mann Steueraufseher in Murau war. Da der einfühlsame Liedkomponist Taufpate werden sollte und sich überfordert fühlte, ist er kurzer Hand abgereist. Im ausgehenden 19. Jahrhundert, nämlich im Oktober 1894, wurde die Schmalspurbahn von Unzmarkt bis Mauterndorf eröffnet. Die reizvolle Streckenführung der Bahnlinie geht auf den oberösterreichischen Ingenieur Karl Wurmb zurück.



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Mit der Gründung des „Gau Murau, Verband steirischer Schiläufer“ genannten Wintersportvereines begann die frühe und erfolgreiche, dann aber jäh abgebrochene, Sportgeschichte der Stadt. 1901 gab es das erste Schirennen, ein Jägerschirennen, das alljährlich als Murauer Besonderheit bis 1908 durchgeführt worden ist. Fürst Adolf II. von Schwarzenberg unterstützte diese Veranstaltung besonders. Am 12. September 1913 erlitt die Stadt einen verheerenden Großbrand, der hier in Murau die schlimme Zeit von 1914 bis 1918 vorweg nahm. Vom Ersten Weltkrieg spürte man keine Kriegshandlungen wohl aber die Entbehrungen. Soldaten waren in der Stadt untergebracht, die hier ihre Ausbildung erhielten. 1915 waren es 2000 bis 3000 Mann. In dieser Zeit bis 1918 war die Schlattingwiese der Exerzierplatz. 1915 bis 1917 bauten russische Kriegsgefangene die Straße auf die Stolzalpe, für die heute noch die Bezeichnung „Russenstraße“ gebräuchlich ist. Im Mai 1918 kam es fünf Monate vor Ende des Krieges in Murau zu einer Meuterei. Die Ersatzkompanie des Laibacher 7. Feldjägerbataillons war über die karge Verpflegung so aufgebracht, dass sie das Munitionsdepot stürmte und in Brand setzte. Anführer war Sebastian Olip, der am 21. Mai 1918 standrechtlich erschossen wurde. Die Zwischenkriegszeit kennzeichnen Heimwehraufmärsche und ab 1934 versuchten vaterländische Frontleute ziemlich mittel- und erfolglos die Bauern für die Werbungen der NSDAP immun zu machen. Nach dem Anschluss vom März 1938 wurden die zwei jüdischen Familien, die sich am Beginn des 20. Jahrhunderts als Geschäftsleute in der Stadt angesiedelt hatten, im Rahmen der „Entjudung der Wirtschaft“ enteignet. Der Familie Reitmann und Ernst Humburger gelang die Emigration, während die anderen Familienmitglieder in Lager deportiert wurden, die sie nicht überlebten. Etliche NSDAP-Größen besuchten in dieser Zeit Murau. Während des Zweiten Weltkrieges befand sich in der Stadt wieder ein Kriegsgefangenenlager, das vor allem der Internierung von britischen Soldaten diente. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Murau konnte im Mai 1945 von Karl Brunner mit List verhindert werden. Von August 1945 bis Oktober 1955 waren die Briten als Besatzungsmacht stationiert.


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Das Wirtschaftswunder wirkte sich auch in den engen Gassen von Murau aus, der Autoverkehr wurde zu dicht. 1973 kam es zur Einführung der Fußgängerzone auf Probe, die aber nicht von langer Dauer war. 1991 besann man sich der Radfahrer und im September wurde der Radwanderweg Murau West eröffnet. Der Mur-Radwanderweg ist heute ein wichtiger Bestandteil des touristischen Angebotes. Am 5. Mai 1995 wurde die Landesausstellung „Holzzeit“ eröffnet und seit 2004 hat die „Holzwelt“ ihren Sitz hier. 2012 war Murau gemeinsam mit etlichen Orten des Bezirkes die Austragungsstätte der Regionale XII, einer vom Land Steiermark initiierten und finanzierten Kulturveranstaltung.

Mitten im Waldbesitz von Anna Neumanns Erben gelegen, mit dem Wasserfall am Schlattingbach, dem klaren Trinkwasser, das hier zu Bier veredelt wird, der ungewöhnlichen Einmündung des Ranten-Baches in die Mur gegen die Stromrichtung des Flusses, einem Renaissanceschloss, drei mittelalterlichen Plätzen, fünf Kirchen in engstem Umkreis, einer Stadtmauer, die den Fluss in ihre Mitte nahm, und heute noch zum Teil besteht, der schmalspurigen Murtalbahn, viel k.u.k. Nostalgie aufgrund der ungarischen Gäste, die heute sommers wie winters Murau beleben, ist die Stadt voller Zuversicht in das 21. Jahrhundert aufgebrochen. (K. Thierrichter)

Literatur:
Brodschild, R., Geschichtlicher Führer durch den Bezirk Murau, 1971
Brunner, W., Murau, Band 1, 1998
Frieß, N. u. Maroschek, E., Nach altem Brauch in der Steiermark, 1994
Koroschitz, W. und Vonbank-Schedler, U., Kein schöner Land, NS-Opfer in Murau, 2012
Wieland, W., Anna Neumann von Wasserleonburg, 1986
Wieland, W., Murau, Band 2, 1998